Rachel Gratzfeld, Literary Agent for Georgian Literature :: georgia


Georgien ist eine mythische Gegend: Prometheus – auf georgisch Amirani – soll am Kasbek angekettet sein, Iason aus den Kolchischen Niederungen das Goldene Vlies und die Georgierin Medea nach Griechenland entführt haben. Nur 4,5 Millionen sprechen seine hoch komplexe, expressive Sprache, die keine indogermanische ist und eine eigene, wunderschöne Schrift besitzt. Sie kennt keine Artikel und kein Genus, hat dafür neun Fälle und acht Tempora (man kann in einem Wort ausdrücken, was in anderen Sprachen ganze Sätze braucht).

Das erste erhaltene Werk der georgischen Literatur stammt aus dem 5. Jahrhundert; damit ist die altchristliche georgische Literatur eine der ältesten der Welt. Die georgische Sprache hat über die Jahrhunderte eine vielfältige Literatur hervorgebracht, die eine ganz eigene Gedankenwelt und Lebenshaltung zum Ausdruck bringt. Für viele fremde Dichter und Autoren war das Land Zuflucht, Geheimnis und Wunder – von Lermontow über Alexandre Dumas und Boris Pasternak, Sergio Pitol bis zu Andrei Bitow, Adolf Endler und Clemens Eich.

Bis in die 1930er Jahre hinein war Tbilissi lebendiges Zentrum moderner Kunst und Kultur (insbesondere eines georgisch geprägten Futurismus und Modernismus), das Schriftsteller und Intellektuelle aus Russland und Westeuropa anzog; es war Schnittpunkt der Handelswege zwischen Europa und Zentralasien, Russland und dem Mittleren Osten. Die Einverleibung Georgiens in die Sowjetunion isolierte das Land während über siebzig Jahren und strangulierte Kunst und Literatur. Erst nach Stalins Tod erwachte die georgische Literatur in den 1960ern wieder zum Leben, doch fand sie ihren Weg kaum über den Eisernen Vorhang und die Mauer hinaus in den Westen. Die meisten Übersetzungen georgischer Literatur erschienen in der DDR. Seit dem Fall der Mauer ist Georgien fast ganz von der Übersetzungslandkarte verschwunden. Die junge Generation georgischer Schriftsteller, die nach den 1960ern geboren wurden, ist sich des Eingeschlossenseins in die eigene Sprache besonders schmerzlich bewusst und strebt aktiv nach außen.

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